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Verfasser Sebastian Hennig erweist sich als ein Meister der leisen und der Zwischentöne. Behutsam didaktisch erschließt er dem Leser den nur scheinbar so zeitenfernen Dichter. Zudem weiß er verblüffende Verbindungen vom Werk Fontane`s zu aktuellen Geschehnissen herzustellen.

zum Buch

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Theodor Fontane

Theodor Fontane kennen die meisten aus der Schulzeit als Verfasser von Gesellschaftsromanen wie „Effi Briest” oder „Der Stechlin”. Die wenigsten wissen, dass der Autor erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt Romane hervorbrachte. Zuvor war der Sohn französischer Hugenotten als Journalist tätig, hatte patriotische Gedichte verfasst und wurde mit seinen Reiseberichten berühmt. In diesen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg” beschrieb er nicht einfach Schlösser, Orte und Landschaften, sondern ließ sich von ihnen auch in die Vergangenheit führen und erzählte die mit ihnen verknüpften Legenden und Sagen.
„Schon zu Lebzeiten des Schriftstellers wurde versucht, sogar erfundene Orte aus seinen Romanen in der Wirklichkeit aufzuspüren.” [1] Während das Schloss aus seinem Roman Schach von Wuthenow jedoch unauffindbar bleiben sollte, existiert der Baumstumpf des Birnbaums, der 1889 in dieser Ballade beschrieben wurde, noch heute und kann in der Kirche von Ribbeck bewundert werden. Die Sage, die sich um ihn rankt, erzählte man sich schon lange, bevor Fontane sie in Versform brachte. Ob sie wahr ist? Das zu beantworten ist ein zu weites Feld ...
Friederike Günther

 

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
ein Birnbaum in seinem Garten stand,
und kam die goldene Herbsteszeit
und die Birnen leuchteten weit und breit,
da stopfte, wenn`s Mittag vom Turme scholl,
der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
und kam in Pantinen ein Junge daher,
so rief er „Junge wisste `ne Beer?"
Und kam ein Mädel, so rief er „Lütt Dirn,
kumm man röwer, ick hebb `ne Birn."

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zum sterben kam.
Er fühlte sein Ende, `s war Herbsteszeit,
wieder lachten die Birnen weit und breit.
Da sagte von Ribbeck „Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab."
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
trugen von Ribbeck sie hinaus.
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen „Jesus meine Zuversicht."
Und die Kinder klagten, des Herze schwer
„He is dod nu. Wer giwt uns nu `ne Beer?"

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,
der neue freilich, der knausert und spart,
hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtrauen gegen den eigenen Sohn,
der wußte genau, was damals er tat,
als um eine Birn` ins Grab er bat.
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
und in der goldenen Herbsteszeit
leuchtest`s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung` übern Kirchhof her,
so flüstert`s im Baume „Wiste `ne Beer?"
Und kommt ein Mädel, so flüstert`s „Lütt Dirn,
kumm man röwer, ick gew`di `ne Birn."

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

 

*****

[1] Sebastian Hennig: Kennst du Theodor Fontane?, Bertuch Verlag, Weimar 2015 

 

Bilder
Vorschaubild: Neuer Birnbaum in der Kirchengemeinde zu Ribbeck: Florian Russi
Theodor Fontane von Carl Breitbach, gemeinfrei