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London kommt!

Pückler und Fontane in England

Klaus-Werner Haupt

Hardcover, 140 Seiten, 2019

Im Herbst 1826 reist Hermann Fürst von Pückler-Muskau erneut auf die Britischen Inseln, denn er ist auf der Suche nach einer vermögenden Braut. Aus der Glücksjagd wird eine Parkjagd, in deren Folge die Landschaftsgärten von Muskau und Branitz entstehen. Auch die Bewunderung für die feine englische Gesellschaft wird den Fürsten zeitlebens begleiten.

Theodor Fontane kommt zunächst als Tourist nach London, 1852 als freischaffender Feuilletonist, 1855 im Auftrag der preußischen Regierung. Seine journalistische Tätigkeit ist weitgehend unbekannt, doch sie bietet ein weites Feld für seine späteren Romane.

Die vorliegende Studie verbindet auf kurzweilige Art Biografisches mit Zeitgeschehen. Die Erlebnisse der beiden Protagonisten sind von überraschender Aktualität.

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Francesco Graf von Algarotti

Francesco Graf von Algarotti

Klaus-Werner Haupt

„der feinste und netteste Denker seiner Zeit“

Menzel, König Friedrichs II. Tafelrunde
Menzel, König Friedrichs II. Tafelrunde

Am 2. Juni 1850 lud der Offizier Bernhard von Lepel seinen Dichterfreund Theodor Fontane ein, Menzels hintersinniges Gemälde „König Friedrichs II. Tafelrunde in Sanssouci“ (1850) zu besichtigen. Fontane erkannte sofort: Auf dem 204 x 174 Zentimeter großen Tafelbild stellte Adolph Menzel die „Fritzenwelt“ nicht heroisch, sondern mit menschlichen Zügen dar.

Im Zentrum sitzt der König, zu seiner Rechten (in roter Uniform) General von Stille. Beide neigen sich dem Philosophen Voltaire zu, der das Wort führt. Neben diesem sitzt der Lordmarschall George Keith. Dessen Gesprächspartner (mit dem Rücken zum Betrachter) ist der Präsident der Akademie der Wissenschaften Maupertuis. Links vom König sitzen der Generalfeldmarschall James Keith, der Kunstkenner Francesco Algarotti– im angeregten Gespräch mit Voltaire – und General von Rothenburg. Dem König gegenüber sitzt der Marquis d'Argens, der sich mit dem Leibarzt und Vorleser La Mettrie amüsiert.

Biografie

Francesco wurde am 11. Dezember 1712 in Venedig als Sohn von Maria und Rocco Algarotti geboren. Der wohlhabende Kaufmann sandte den Zweitgeborenen auf das Collegio Nazareno, eine der renommiertesten Bildungseinrichtungen Roms, in der vorwiegend Musik, Wissenschaft und Linguistik gelehrt wurden.

Zurück in Venedig erhielt Francesco Unterricht bei Carlo Lodoli, der im Kloster San Francesco della Vigna eine Privatschule führte. Der Franziskanerpater Lodoli besaß eine umfangreiche Sammlung von Gemälden und Architekturfragmenten. So übertrug sich das Interesse für bildende Künste und Architektur auch auf seinen Schüler.

1726, nach dem frühen Tod des Vaters, übernahm Bonomo Algarotti das Geschäft. Eine Apanage ermöglichte dem jüngeren Bruder den Besuch der Accademia delle Scienze von Bologna. Neben naturwissenschaftlichen Studien – die Akademie verfügte bereits über eine Sternwarte (La Specola) – widmete sich Francesco Algarotti philosophischen und kunstgeschichtlichen Fächern. Hinzu kamen Latein, Griechisch, Französisch und – aufgrund seines Interesse für die Naturphilosophie Isaac Newtons – Englisch. 1728 gelang dem jungen Algarotti, optische Experimente Newtons zu wiederholen. Ab 1732 setzte er seine Studien in Florenz und Padua fort. Dank seines Bruders sowie zahlreicher Empfehlungen bereiste er anschließend Europa und knüpfte ein Netzwerk nützlicher Bekanntschaften.

In Rom begann Algarotti eine naturphilosophische Abhandlung über die Optik Newtons zu schreiben. Er suchte Kardinal Angelo Maria Querini auf, den Bibliothekar der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek, und ließ sich von ihm über die Kunst der Antike unterrichten. Der schwedische Naturwissenschaftler Anders Celsius lud den 22-Jährigen zu einer Reise nach Paris ein. Dort begegnete Algarotti den Newtonianern Voltaire, Pierre Louis Moreau de Maupertuis und Alexis-Claude Clairaut. Deren Einladung zu einer Lappland-Expedition schlug er aus. Sein Interesse galt Bernard le Bovier de Fontenelle, dem 77-jährigen Sekretär der Académie royale des sciences. Dessen Werk Entretiens sur la pluralité des mondes (Gespräche über die Pluralität der Welten, 1686) sollte zum Vorbild seiner eigenen Publikation werden.

Château de Cirey um 1830. Zeitgenössische Lithografie
Château de Cirey um 1830. Zeitgenössische Lithografie

Auf Schloss Cirey (Provinz Champagne), etwa 220 Kilometer östlich von Paris, wurde der viel besungene „Schwan von Padua“ bereits von der Naturforscherin Émilie du Châtelet und ihrem Geliebten Voltaire erwartet. Mit beiden wollte er sein Manuskript diskutieren. In den folgenden sechs Wochen drehte sich alles um die Lehre Newtons. Auf die Frage Wie kann man Licht und Farben „sogar dem Geschlecht erklären, das lieber fühlt als erkennt“? wusste der Venezianer bereits die Antwort: Am besten im Dialog eines Wissenschaftlers mit einer verständigen Marchesa!

Chiswick House
Chiswick House

Im Frühjahr 1736 folgte Algarotti einer Einladung nach London, wo man ihn zum Fellow der Royal Society und der Society of Antiquaries ernannte. Die Mitgliedschaft der renommierten Gesellschaften öffnete die Türen namhafter Aristokraten. In Chiswick House, einer palladianischen Villa im Westen Londons, lernte er den Architekten Richard Boyle (Lord Burlington) kennen. In den Salons der britischen Hauptstadt begegnete er Lady Mary Wortley Montagu und John Hervey, 2nd Baron Hervey, dem Vize-Kammerherr am Hofe Georges II. Obwohl jeweils doppelt so alt Algarotti, verstanden sie es, den gutaussehenden Marquis in eine Ménage-à-trois zu verwickeln. Bis nach Venedig verfolgten ihn ihre flehenden Rufe: Baron Hervey wünschte ihn zurück nach England, Lady Montagu kündigte ihren Besuch in Italien an. Algarotti antwortete höflich, dann reiste er in Begleitung eines jungen Mailänders nach Südfrankreich.

Ende Dezember 1737 erschien in Mailand sein Werk Il Newtonianismo per le dame ovvero dialogo sopra la luce e i colori (Dialoge über die Optik Newtons für die Damenwelt) – gewidmet Bernhard de Fontenelle. Das als leicht verständlich geltende Sachbuch wurde in fünf Sprachen übersetzt. Es machte Isaac Newton auf dem Kontinent bekannt und Francesco Algarotti zu einem Bestsellerautor. Wegen diverser Anspielungen geriet das Buch auf den Index der Römischen Inquisition. Zwei Jahre später erschien in Venedig eine vom Autor revidierte Fassung.

Im März 1739 reiste Algarotti erneut nach London und genoss die Gastfreundschaft Baron Herveys, bevor er im Gefolge des britischen Gesandten Charles Calvert, 5th Baron Baltimore nach Sankt Petersburg segelte. Anlass war die Hochzeit des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel und der Prinzessin Anna Leopoldowna von Mecklenburg, Nichte der Zarin Anna Iwanowna. Mit der luxuriösen Yacht „Augusta“ ging die Fahrt von Kopenhagen nach Sankt Petersburg. Seine in Briefform abgefassten Reiseerlebnisse Viaggi di Russia (1764) widmete Algarotti postum Lord Hervey.

Auf der Rückreise machten Baron Baltimore und seine Entourage in Dresden und Berlin Station. Dass sie Friedrich Wilhelm I. in sein Tabakskollegium einlud, ist wohl ein Gerücht, doch die Gastfreundschaft des Königs stimmte Algarottis Meinung über Preußen positiv. Die Tage vom 20. bis zum 25. September verbrachte die Gesellschaft auf Schloss Rheinsberg, dem „Musenhof“ des Kronprinzen. Friedrich schloss den „feurigen“ Venezianer sofort in sein Herz. Ein zweieinhalb Jahrzehnte währendes, von Höhen und Tiefen bestimmtes Miteinander nahm seinen Anfang.

Liotard, Graf Francesco Algarotti
Liotard, Graf Francesco Algarotti

Nach seiner Thronbesteigung am 31. Mai 1740 wünschte Friedrich II. den „lebhaften und empfindsamen“ Algarotti um sich zu haben. Als jener am 28. Juni in der preußischen Hauptstadt eintraf, zerschlug sich die Hoffnung auf Ruhe und Besinnlichkeit. Der König forderte nicht nur ständige Begleitung, er neckte seinen gleichaltrigen Gesellschafter auch mit frivolen Versen. In Anlehnung an die griechische Mythologie bezeichnete er sich selbst als Leda (die Schöne), seinen neuen Gefährten als Schwan (den verliebten Zeus).

Auf sandigen Wegen reiste man zur Huldigungsfeier nach Königsberg, zu Friedrichs Schwester nach Bayreuth und zu den brandenburgisch-preußischen Besitztümern am Niederrhein. Auf dem idyllischen Wasserschloss Moyland (Herzogtum Kleve) lernte der König seinen Korrespondenzpartner Voltaire endlich persönlich kennen.

Am 20. Dezember 1740 wurde Algarotti in den Grafenstand erhoben, im folgenden Jahr sandte man ihn in diplomatischer Mission nach Turin: Karl Emanuel III., Herzog von Savoyen und König von Sardinien-Piemont, sollte Preußen militärisch unterstützen. Der Monarch stellte sich aber an die Seite Maria Theresias, der regierenden Erzherzogin von Österreich. Da er als Diplomat erfolglos war, beriet Algarotti seinen König fortan in Sachen Kunst und Kultur – ohne einen einzigen Sou zu erhalten. In der Hoffnung auf eine bezahlte Anstellung floh er im Januar 1742 in die kursächsische Residenz- und Kunststadt Dresden.

Canaletto, Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke
Canaletto, Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke

Aufgrund der Vielzahl ausländischer Residenten ließ Algarotti seinen Bruder am 5. März wissen, König August III. habe Dresden zum „Parigi dell'Allemagna“ (zum „Paris Deutschlands“) gemacht. Als gebürtiger Venezianer fand er schnell Kontakt zu Landsleuten: Ignatius Guarini war Beichtvater der Königin, Giovanni Lodovico Bianconi wirkte als Leibarzt des Kurprinzen, der Architekt Gaetano Chiaveri baute die Katholische Hofkirche und der Bildhauer Lorenzo Matielli schuf deren Skulpturen … Der sächsische Staatsmann und Historiker Heinrich von Bünau führte den Grafen in den Kreis der Gelehrten ein.

Generalintendant der Dresdner Hofoper war der Reichsgraf Heinrich von Brühl. Am 7. Oktober 1742 ließ er auf Schloss Hubertusburg (Wermsdorf) die Oper Didone abandonnate aufführen – inszeniert von Francesco Algarotti. Der Erfolg ermutigte, dem kunstsinnigen Kurfürsten August II./König August III. von Polen seine Denkschrift Progetto per ridurre a compimento il regio museo di Dresda vorzulegen, ein Projekt zur Vervollkommnung des königlichen Museums in Dresden. Das letzte Wort hatte Brühl, gleichzeitig Generalintendant der Königlichen Galerie: Er lehnte das kostenaufwändige Projekt ab.

Liotard, Das Schokoladenmädchen
Liotard, Das Schokoladenmädchen

Algarotti reiste nach Italien, um – seiner Vision entsprechend – Künstler mit Gemälden zu beauftragen sowie den Ankauf weiterer Kunstwerke zu vermitteln. In Florenz wäre die Sammlung Pallavicini-Arnaldi zu begutachten. Von der Hand des befreundeten Malers Giovanni Battista Tiepolo gelangten nicht nur zwei Bilder für den König, sondern auch für die Sammlung Brühls nach Dresden: „Triumph der Flora“ (1743) und „Maecenas stellt Augustus die freien Künste vor“ (1743). Auf den Rat Algarottis hatte der Künstler die klassische Antike in seine Bilder einfließen lassen.

Für die Besichtigung der Sammlung Pallavicini-Arnaldi in Florenz reichte die Zeit nicht. Pest und drohende Quarantäne, die Unruhen des Österreichischen Erbfolgekrieges sowie die Konkurrenz kursächsischer Agenten zwangen Algarotti, den Rückweg anzutreten.

Im Jahr 1744 reiste der Kunstagent erneut nach Venedig. Die angekauften Gemälde landeten im Depot des Schlosses Hubertusburg – bis auf eine Ausnahme: „Das Schokoladenmädchen“ (1744). Das Bild zeigt ein adrett gekleidetes Dienstmädchen, das dabei ist, seiner Herrschaft eine Tasse heiße Schokolade zu servieren. Jean Etienne Liotards leuchtendes Pastell avancierte zum Publikumsliebling.

K. C. W. Baron, Alter Markt in Potsdam mit Stadtschloss
K. C. W. Baron, Alter Markt in Potsdam mit Stadtschloss

Francesco Algarotti, der großen Wert auf sein Äußeres legte, saß dem Schweizer Künstler selbst Modell. Das Bild (Abb. 5) zeigt ihn mit perfekt onduliertem Haar, mit Spitzenjabot und schwarzer Schleife – in einem taubenblauen Samtmantel mit Fellbesatz.

Am 21. Mai 1744 wurde Algarotti nicht zum Oberaufseher des Bauamts und der königlichen Kabinette ernannt, sondern mit dem Titel Geheimer Kriegsrat abgefunden. Heinrich von Brühl und Carl Heinrich von Heineken, sein Privatsekretär und Direktor seiner Sammlungen, bremsten den Ehrgeiz des Venezianers auf ihre Art: An den Verhandlungen über die Sammlung des Herzogs Francesco d'Este (Modena) ließen sie ihn gar nicht erst teilnehmen. Enttäuscht kehrte Algarotti 1747 nach Preußen zurück.

Trotz seiner „Verirrungen“ empfing Friedrich II. den „verlorenen Schwan“ mit schmeichelnden Worten. Für ihn war Algarotti „der Inbegriff eines geistvollen Intellektuellen“ (Hans-Ulrich Seifert). Am 14. April 1747 erhielt er den begehrten Titel eines Kammerherrn inklusive einer jährlichen Pension von 3.000 Talern. Am 23. April wurde er mit dem Tapferkeitsorden Pour le mérite geehrt, im Mai ernannte man Algarotti zum auswärtigen Mitglied der Königlich-Preußischen Akademie der Künste und mechanischen Wissenschaften. Fortan bereicherte er die Tafelrunde auf Schloss Sanssouci (Abb. 2).

In den folgenden sechs Jahren beriet Algarotti den preußischen König in Sachen Philosophie und Literatur, Musik und Kunst. Allerdings herrschte im epikurischen Sonderbezirk Sanssouci „eine sorgenlose erotische Wahlfreiheit“ (Ursula Pia Jauch). Vorsichtig unterbreitete Algarotti seine Vorschläge.Friedrich II. bevorzugte französische Gemälde mit galanten Schäferspielen. Nun gelang es, den König für antike und alttestamentarische Darstellungen italienischer Künstler zu interessieren.

Algarotti bestärkte den König auch, die Garnisons- und Residenzstadt „Posdammo“ zu einer „Schule der Baukunst“ zu machen. Inspiriert von Chiswick House und Architekturstichen Palladios und Piranesis wurde der Alte Markt als römische Piazza gestaltet, die Bürgerhäuser erhielten barocke oder klassizistische Fassaden. Bereits 1752 schwärmte Johann Joachim Winckelmann: „Ich habe Athen und Sparta in Potsdam gesehen und bin mit einer anbetungsvollen Verehrung an den göttliche Monarchen erfüllet. […] Ich bin entschlossen mich auf einen gewissen Fuß nach Rom zu setzen.“

Wer zum Glanz des aufgeklärten Herrschers noch fehlte, war Voltaire. Friedrich II. nannte ihn den „Cicero unseres Jahrhunderts“, sein Genie „eine Fackel, welche die Welt erleuchten muss.“ Als der Philosoph am 10. Juli 1750 endlich eintraf, erhielt er den Titel eines Kammerherrn, und eine 7.000 Taler umfassende Pension. Überdies wurde auch er mit dem Orden Pour le mérite geehrt. Bei freier Kost und Logis unterrichtete Voltaire den König fortan in Rhetorik, Stil und Poetik.

Weil jeder mit jedem um die Gunst des Königs wetteiferte, beschlichen Neid und Missgunst die Tafelrunde. 1752 veröffentlichte Voltaire ein anonymes Schreiben, in dem er seinem Landsmann Maupertuis vorwarf, er tyrannisiere und entehre die Akademie. Der König nahm seinen Akademiepräsidenten in Schutz und ließ Voltaires Schmähschrift öffentlich verbrennen. Als dessen zweifelhafte Geldgeschäfte an die Öffentlichkeit drangen, war das Maß voll. Friedrich II. forderte den Kammerherrenschlüssel und den Tapferkeitsorden zurück. Am 23. März 1753 kehrte Voltaire seinem Mäzen den Rücken, nach neunmonatiger Abstinenz nahmen beide den Kontakt wieder auf.

Algarotti fühlte sich Voltaire verbunden, aber ihn drückten gesundheitliche Probleme. Der Leibarzt La Mettrie verordnete „Schlangen-Bouillon“ und Selterswasser, der Berliner Arzt Lieberkühn riet zu Egerbrunnen. Auch die vom König verordnete Diät und dessen Verse brachten keine Besserung. Am 2. Februar 1753 durfte Algarotti Preußen verlassen. Nachdem er Unfälle und Tiefschnee überlebt hatte, war klar: In den kalten Norden kehrte er nie wieder zurück. Seinem Mäzen blieb er jedoch treu ergeben. Am 1. Oktober 1756 siegte die preußische Armee bei Lobositz (Böhmen). Algarotti gratulierte dem König und bestärkte ihn „Caesar vergessen zu machen und das Jahrhundert aufzuklären“ (Bologna, 9. November 1756). Er versorgte den „Freund der Minerva und der Musen“ mit Neuigkeiten, vermittelte den Ankauf von Gemälden und sandte ihm südliche Köstlichkeiten: Bottarga von der Meeräsche (sardischen Kaviar), erlesene Weine sowie Brokkoli- und Melonensamen.

Nach mehrjährigen Aufenthalten in Venedig und Bologna nahm Algarotti 1762 seinen Wohnsitz in Pisa (Großherzogtum Toskana). Mit Reiseerlebnissen, Schriften über Architektur, Malerei und Musik, Essays und Aphorismen beförderte er den Kulturtransfer zwischen Nord- und Südeuropa.

Bildergalerie von Sanssouci
Bildergalerie von Sanssouci

Der Siebenjährige Krieg verzögerte die Fertigstellung des Galeriegebäudes im Park Sanssouci. 1764 wurde die prachtvolle Bildergalerie eingeweiht, laut Marquis d'Argens „nach St. Peter in Rom das Schönste auf der Welt“. Am 1. Juni lud der König seinen Kammerherrn a. D. ein, sich seine Sammlung italienischer Bilder anzuschauen. Leider war Algarotti bereits am 3. Mai verstorben. So blieb ihm nur, dem „feinsten und nettesten Denker seiner Zeit“ (Justus Möser) auf dem Campo Santo von Pisa ein Kenotaph zu errichten. Die Trauerfigur ist von Büchern und der Eule der Minerva umgeben, die Inschrift erinnert:

ALGAROTTO OVIDII AEMULO / NEWTONI DISCIPULO / FRIDERICUS MAGNUS

(Algarotti, dem Nacheiferer Ovids / dem Schüler Newtons / Friedrich der Große).

Nachwirkungen

Raabe, Johann Wolfgang von Goethe
Raabe, Johann Wolfgang von Goethe

Vor dem Universalgenie Johann Wolfgang von Goethe fanden Algarottis Leistungen keine Gnade. Er lehnte sowohl Newton als auch die sogenannte „Populärwissenschaft“ ab: Damit wollte man doch lediglich die Wissenschaften „ins Leben, ja in die Sozietät ziehen“. Von Goethe stammt die einzige deutschsprachige Besprechung von Algarottis Newtonianismo per le dame, nachzulesen in den Materialien Zur Farbenlehre (1810).

Am 6. Mai 1824 äußerte er gegenüber seinem Vertrauten Johann Peter Eckermann: „Um Epoche in der Welt zu machen, dazu gehören bekanntlich zwei Dinge: erstens, daß man ein guter Kopf sei, und zweitens, daß man eine große Erbschaft tue. Napoleon erbte die Französische Revolution, Friedrich der Große den Schlesischen Krieg, Luther ist die Finsternis der Pfaffen, und mir ist der Irrtum der Newtonischen Lehre zuteil geworden.“

Oer, Winckelmann im Kreise der Gelehrten
Oer, Winckelmann im Kreise der Gelehrten

1871 erwarb der sächsische Kammerherr Rudolph Carl von Finck das nahe Dresden gelegeneSchloss Nöthnitz (Gemeinde Bannewitz). Ganz im Sinne seines einstigen Besitzers, des Reichsgrafen Heinrich von Bünau, sollte es wieder zu einem Mittelpunkt geistigen Lebens werden. In der großen Bibliotheca Bunaviana hatte einst Johann Joachim Winckelmann gearbeitet. Um dem Altertumsforscher und dem legendären Nöthnitzer Kreis ein Denkmal zu setzen, schuf Theobald von Oer das fiktive Gemälde „Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek“ (1874): Im Salon hat sich ein illustrer Kreis von zwölf Gelehrten versammelt, um Winckelmanns Darlegungen zu folgen. Zweiter von links ist der erwähnte Graf Bünau, hinten am Tisch sitzt – aufmerksam zuhörend – der kursächsische Kunstagent Francesco Algarotti.

Café Algarotti, Sempergalerie Dresden
Café Algarotti, Sempergalerie Dresden

Mit der am 28. Februar 2020 wiedereröffneten Dresdner Sempergalerie kommt Algarotti erneut zu Ehren: Zwischen dem Besuch des Winckelmann-Forums und der Gemäldegalerie Alte Meister lädt das CAFÉ ALGAROTTI zum Verweilen ein.



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Quellen:

Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1984

Francesco Algarotti. Ein philosophischer Hofmann im Jahrhundert der Aufklärung. Hg. Von Schumacher, Hans/Wehinger, Brunhilde. Reihe Aufklärung und Moderne 16, Wehrhahn Verlag Hannover 2009

Francesco Algarotti (1712–1764). Hg. Von Wehinger, Brunhilde/Frigo, Gian Franco. Reihe Aufklärung und Moderne 37. Wehrhahn Verlag Hannover 2017

Goethe, Johann Wolfgang von: Zur Geschichte der Farbenlehre – Algarotti. In: Zur Farbenlehre.

Cotta´sche VerlagsbuchhandlungTübingen 1810

Haupt, Klaus-Werner: Johann Joachim Winckelmann im Kreise der Gelehrten. Bertuch Verlag Weimar 2018

Heinrich von Brühl. Dresdner Kunstblätter 2/2014. Hg. Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Schumacher, Hans Walter Eugen: Francesco Algarotti. Dialoge über die Optik Newtons. In: http://www.algarotti.de/ (abgerufen am 15.03.2020)

Abbildungsverzeichnis:

( 1 ) Johann Adolph Rossmäßler, Franz Graf Algarotti (um 1820). Privatbesitz, auch Titelbild Quelle ( 3 )

( 2 ) Adolph Menzel, König Friedrichs II. Tafelrunde in Sanssouci (1850). Alte Nationalgalerie Berlin (Kriegsverlust)

( 3 ) Château de Cirey um 1830. Zeitgenössische Lithografie

( 4 ) Chiswick House©Chiswick House and Gardens Trust 2020

( 5 ) Jean-Etienne Liotard, Graf Francesco Algarotti (1745). Rijksmuseum Amsterdam

( 6 ) Canaletto, Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke (1748). Galerie Alte Meister Dresden

( 7 ) Jean-Etienne Liotard, Das Schokoladenmädchen (1744). Galerie Alte Meister Dresden

( 8 ) Karl Kristian Wilhelm Baron, Alter Markt in Potsdam mit Stadtschloss (1772). Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

(9 ) Bildergalerie von Sanssouci©2020 Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

(10) Karl Josef Raabe, Johann Wolfgang von Goethe (1814). Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

(11) Theobald von Oer, Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek (1874). SLUB Dresden

(12) Café Algarotti, Sempergalerie Dresden©Haupt 2020