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Okzident und Orient
Die Faszination des Orients im langen 19. Jahrhundert

Klaus-Werner Haupt

In siebzehn Kapiteln werden neunzehn Persönlichkeiten des langen 19. Jahrhunderts vorgestellt, deren Texte, Bilder und Erfindungen deutlich machen: Okzident und Orient sind nicht zu trennen.

Mit Theodor Fontane in den Spreewald

Mit Theodor Fontane in den Spreewald

Klaus-Werner Haupt

„Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einer Schleie ...“

1859 kehrte der Journalist Theodor Fontane (1819-1898) aus London zurück. Im Sommer des gleichen Jahres wollten er, der Schulrat Karl Bormann (1802-1882), der Schriftsteller Otto Roquette (1824-1896) und der Kunsthistoriker Wilhelm Lübke (1826-1893) ein Wochenende im Spreewald erleben. Am 6. August rollte die Nachtpost durch das Hallesche Tor. Auf der Cottbuser Chaussee ging es über Lichtenrade und Zossen, Baruth und Golßen durch die märkische „Streusandbüchse".

Am frühen Sonntagmorgen wurde Lübben [niedersorbisch Lubin, Siedlung des Luba] erreicht, seit dem Wiener Kongress die Hauptstadt des Markgraftums Niederlausitz. „Alles ist hier grün und rot, nicht bloß die Lübbener Jäger, die eben zu einem Appell zusammentreten, sondern auch die Stadt selber. Jedes Haus versteckt sich hinter Oleanderbäumen, die hier in einer Pracht und Fülle sich durch die Straßen ziehen, daß die Berliner Kugelakazie in der Rückerinnerung fast noch steifer und häßlicher wird, als sie ohnehin schon ist", schrieb Fontane später für die Neue Preußische Zeitung. „Unsere Bauherren und Baumeister, unsere städtischen Behörden und Straßenverschönerer könnten sich daran ein Beispiel nehmen. Es fehlt bei all unseren Anlagen der Sinn für das Malerische ..."

Von Lübben nach Lübbenau [nso. Lubjnow, Siedlung des Luban], der „Haupt- und Residenzstadt des Spreewaldes", war noch eine preußische Meile [etwa 7,5 Kilometer] zurückzulegen. Dann rollte die Gesellschaft durch das hochgewölbte Stadttor. „Es ist eine Garten- und Gärtnerstadt, ähnlich wie Erfurt oder Bamberg", informierte Fontane seine Leser. „Die Produkte des Spreewaldes haben hier ihren ersten Markt und Stapelplatz und gehen von hier aus in die ganze Welt." Lübbenau sei das „Vaterland der sauren Gurke" - eines Artikels, den man ohne Frage auch zu den Attributen Berlins oder der Spreegöttin zählen könne. Fontane brach eine Lanze für die märkische Küche und erinnerte an Meerrettich, Morcheln, Sellerie ... Goethe hatte die „Musen und Grazien in der Mark" (veröffentlicht in Schillers Musenalmanach für das Jahr 1797) einst parodiert, sich aber gern mit Teltower Rübchen verwöhnen lassen.

Ehemaliger Gasthof zum Braunen Hirsch
Ehemaliger Gasthof zum Braunen Hirsch

Als die Reisenden früh den Gasthof Zum Braunen Hirsch (heute Rathaus und Touristinformation,  Kirchplatz 1) erreichten, war es genau eine Stunde zu spät, um den bunten Korso der Spreewälder vom Hafen zur Lübbenauer Pfarrkirche mitzuerleben. So konnte die Festtagstracht erst nach dem „wendischen Gottesdienst" begutachtet werden. Die Berliner fühlten sich aus der Zeit hinausgerückt ...

Nachdem er in der Nikolaikirche seine Pflichten erledigt hatte, traf auch Kantor Christian August Clingestein (1800-1889) im gegenüberliegenden Gasthof ein. Er galt als „Spreewaldsautorität" und war den Reisenden bereits in Berlin empfohlen worden. Mit Clingestein als Cicerone ging es von der Altstadt durch den Lynarschen Park. Gegenüber der  Orangerie, an der Verlobungsallee, wartete die Gondel zur Fahrt ins „bäuerliche Venedig".

Andrea Bunar, die Spreewälder Postfrau
Andrea Bunar, die Spreewälder Postfrau

„Drei Bänke mit Polster und Rücklehne versprachen möglichste Bequemlichkeit, während ein Flaschenkorb von bemerkenswertem Umfang - aus dem, sooft der Wind das Decktuch ein wenig zur Seite wehte, verschiedene rot und gelb gesiegelte Flaschen hervorlugten - auch noch für mehr als bloße Bequemlichkeit sorgen zu wollen schien. Am Stern des Bootes, das lange Ruder in der Hand, stand Christian Birkig, ein Fünfziger mit hohen Backenknochen und eingedrückten Schläfen, dem für gewöhnlich die nächtliche Sicherheit Lübbenaus, heut aber der Ruder- und Steuermannsdienst in unserem Spreeboot oblag. Gleich die erste halbe Meile ist ein landschaftliches Kabinettstück und wird insoweit durch nichts Folgendes übertroffen, als es die Besonderheit des Spreewaldes: seinen Netz- und Inselcharakter, am deutlichsten zeigt." Fontane bemerkte aber auch die Haltung des im Hinterteil stehenden Gondoliere und der vorübergleitenden Bootsführer. Das Aufrechtstehen, gepaart mit einer beständigen Anstrengung zur Führung des Rudels (4 Meter lange Eschenstange), verlieh Männern wie Frauen „Haltung und Straffheit".

Die Fahrt ging von der Hauptspree in den Lehder Graben. Nach einer halben Stunde war Lehde [nso. Lêdy, unbebaute Niederung] erreicht. „Es ist die Lagunenstadt in Taschenformat", schreibt Fontane, „ein Venedig, wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag, als die ersten Fischerfamilien auf seinen Sumpfeilanden Schutz suchten. Man kann nichts Lieblicheres sehen als dieses Lehde, das aus ebenso vielen Inseln besteht, als es Häuser hat. Die Spree bildet die große Dorfstraße, darin schmalere Gassen von links und rechts her einmünden. Wo sonst Heckenzäune sich ziehn, um die Grenzen eines Grundstückes zu markieren, ziehen sich hier vielgestaltige Kanäle, die Höfe selbst aber sind in ihrer Grundanlage meistens gleich. Dicht an der Spreestraße steht das Wohnhaus, ziemlich nahe daran die Stallgebäude, während klafterweis aufgeschichtetes Erlenholz als schützender Kreis um das Inselchen herumläuft." 

Gasthaus Kaupen N° 6 von der Spree her gesehen
Gasthaus Kaupen N° 6 von der Spree her gesehen

Hätte Fontane damals den Sommergarten des Gasthauses Kaupen N° 6 erlebt, er hätte ihn als einen der schönsten des Spreewaldes bezeichnet. Wo kann der Gast „dicht an der Spreestraße" Platz nehmen und bei einem Bier aus Lübbenau die „reizendsten Bilder" genießen? Das wendische Wort Kaupe [niedersorb. kupa] bedeutet so viel wie Grasnarbe oder auch Insel. Heute ist das Gasthaus Nr. 6 nicht nur per Spreewaldkahn oder Paddelboot erreichbar. Über mehrere Brücken gelangt man auch per Rad oder zu Fuß zu Koals Paradies.

 

Adresse: Kaupen 6A, 03222 Lübbenau/Spreewald Website: http://www.kaupen6.de/startseite.html

Spreewald zwischen Lehde und Burg
Spreewald zwischen Lehde und Burg

Dort, wo der Lehder Graben auf den Hechtgraben trifft, betrieb der Wirt August Richter (gest. 1933) eine Dorfschänke. Seine Gäste lobten sowohl die Atmosphäre des Hauses als auch die vorzügliche Zubereitung junger Hechte.

Zu den namhaften Residenten gehörten ab 1882 der Görlitzer Kunstprofessor Woite sowie die Malerkollegen Röchling, Richard Eschke und Georg Estler. Auf Woites Vorschlag erhielt das Gasthaus 1886 den Namen Zum fröhlichen Hecht.

 

Adresse: Dorfstraße 1, 03222 Lübbenau   Website: http://www.zumhecht.com     

Fontane und seine Freunde hielten damals nicht an der Dorfschänke. Vorbei an Blumenbeeten und Fischkästen, Bauernhäusern und Heuschobern setzten sie ihre Spreewaldfahrt in östlicher Richtung fort. Vom Lehder Graben ging es durch das Bürgerfließ zum Burg-Lübbener Kanal. Der „Kanal" mit seinem gewölbten Laubdach gleicht noch heute einem „Poetensteig". Statt ins „Reich der Geister" ging es mitten hinein in den „Ur-Spreewald" mit seinen sumpfigen Niederungen. Wollten die Freunde die Wasserwelt in voller Pracht genießen, kamen sie zwei Monate zu spät. So wurde dem Auge nichts geboten, „was über das Gewöhnliche weit hinausginge", offenbar nicht einmal Mücken.

 

Adresse: Eicheweg, 03096 Burg (Spreewald)  Website: http://www.waldhotel-eiche.de/

Nach der Fahrt über den Leiper Graben und das Große Fließ [Mutnitza] kam das Gasthaus Zur Eiche in Sicht. Nicht Wenden, sondern Deutsche waren hier in der dritten Generation zu Hause. Frau Schenker, „eine freundliche Wirtin und eine stattliche Großmutter", hatte die Tafel bereits zum Mittagessen gedeckt. „Das wäre kein echtes Spreewaldsmahl, wenn nicht ein Hecht auf dem Tische stünde", schrieb Fontane begeistert, „und das wäre kein Hecht, wenn ihn nicht die berühmte Spreewaldsauce begleitete: wenig Butter, aber viel Sahne ..." Mit einem zeitgemäßen Leberreime ging es an die „Entpuppung" des Korbes, der bereits während der Fahrt mehr als einen interessierten Blick auf sich gezogen hatte:

„Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einer Schleie,
Der Fisch will trinken, gebt ihm was, dass er vor Durst nicht schreie."
Das erste Glas galt schon der Höflichkeit halber der Wirtin, andere folgten, bis zuletzt die Mahlzeit und die lange Reihe der Toaste mit diesem Jubelhymnus abschloß:

„Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Störe,

Es lebe Lehrer Clingestein, der Kantor der Kantöre."

Über Fisch und Spreewaldbitter war es Nachmittag geworden. Die Freunde wollten noch viel sehen. Ihr nächstes Ziel war die Streusiedlung Burg [nso. Bórkowy, kleiner Kiefernwald]. Wohl aus Zeitgründen vertraute der Fährmann Birkig seinen Gästen an, die Burg des Wendenkönigs - im 9./10. Jahrhundert eine riesige slawische Fluchtburg - wäre heute nichts als ein langweiliger Grashügel. Kaum ausgesprochen saß der Kahn auch schon im seichten Wasser fest! „Es geht nicht", murmelte Bootführer Birkig. „Es muß gehn", erwiderte der Kantor „wie Blücher auf dem Marsche nach Waterloo". Und siehe da, es ging! Nun hatte der Kahn wieder eine Handbreit Wasser unter dem flachen Boden, aber der Fährmann war vom Kurs abgekommen! Wieder war es Kantor Clingestein, der die Richtung vorgab. Über das Große Fließ und den Mittelkanal (Strenkel) ging es durch unbewohntes Gebiet zurück auf den Burg-Lübbener Kanal.

Waldschlösschenstraße 35
Waldschlösschenstraße 35

Wie im Märchen lugte hinter Geißblatt und Fischernetzen plötzlich ein weißgetünchtes Bauernhaus hervor [heute Waldschlösschenstraße 35]. Planschen und Kinderlachen war zu hören - es war das Zuhause von Kätner Martin Post und seiner munteren Familie. Man befand sich nun in Burg Kauper. Ob es noch weit sei bis zur Wendenburg, fragte der erschöpfte Fährmann hinüber. Sehr weit, ließ ihn der Kätner Post wissen. „Bootführer Birkig rekolligierte sich zuerst und rief das uns sowohl wie das Bild auf einen Schlag entzaubernde Wort über das Wasser hin: »ob man uns einen Kaffee kochen wolle?« Das bereitwilligste »Ja« klang zurück, und einige Minuten später sprangen wir ans Ufer."

Die Gesellschaft machte es sich unter den Kirschbäumen bequem und packte ihre Vorräte aus. „Was an Tisch und Bänken im Hause war, stand bald draußen, und zuletzt erschien auch ein blaugemustertes Kaffeeservice, das unverkennbar einer besseren Zeit angehörte." Die Gespräche mit dem verständigen Kätner machten den Nachmittag „kostbar".

Der niedrige Stand der Sonne mahnte zum Aufbruch. Nach „reizenden Partien" gelangte man wieder auf die Hauptspree. In Leipe [nso. Lipje, der Ort, wo die Linden wachsen], dem zweiten „Dorf-Venedig", traf man auf hauptstädtische Gesellschaft - Landsleute und Maler, die der wachsende Schönheitsruf des Spreewaldes herbeigelockt hatte. Man schloss sich ihnen an, und Boot an Boot ging es zurück nach Lübbenau.

Orangerie des Schlosses Lübbenau
Orangerie des Schlosses Lübbenau

Der Turm der Nikolaikirche schlug eben zehn, als die Gesellschaft im Schatten der Lynarschen Parkbäume anlegte. Kaum eine Viertelstunde später nahm der Braune Hirsch Fontane und Freunde in seine gastlichen Betten auf. Für Bootsführer Birkig aber war noch lange nicht Feierabend. Er ging seinem eigentlichen Dienste nach und wachte mit Horn und Spieß über die Nachtruhe der Lübbenauer und ihrer Gäste.

Am Montagmorgen folgte ein unerwartetes „Reisedessert": der Lynarsche Park. Gleich am Eingang steht die ehemalige Kanzlei, in der später eine Bibliothek untergebracht war. Geplant ist hier ein Museum einzurichten, in dem sich der Besucher über die Familiengeschichte der Grafen zu Lynar informieren kann. Gegenüber dem Marstall, der einst als Unterkunft für Dienstpersonal und Pferde diente, erhebt sich der Schlossberg mit dem heute dreiflügligen Hotel.

Adresse: Schlossbezirk 6, 03222 Lübbenau  Webseite: http://www.schloss-luebbenau.de/ 

Fontane war besonders beeindruckt vom nordöstlichen Parkareal. Die Edeltannen und moosbewachsenen Steinbänke, vor allem die Spree selbst, „ein tiefer Wallgraben mit Schilf und Schlingkraut und Erlengebüsch", erinnerten ihn an den Park von Warwick-Castle - an die „Wiesengründe des Herzens von England". Es plauderte sich grad so schön auf der großen Steinbank, als das Posthorn aus der Stadt herüberklang. In der Mittagshitze ging die Fahrt durch die märkische „Wüstenei" zurück ins quirlige Berlin.

Theodor Fontane veröffentlichte seine Reiseerlebnisse zunächst in der Neuen Preußischen Zeitung (Kreuzzeitung). Erst 1882 erschienen die Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Theil. Spreeland. Fontanes literarische Schilderungen künden von der Schönheit des Spreewaldes und regen bis heute an, sich auf seine Spuren zu begeben. Am 30. Dezember 2019 wird sein 200. Geburtstag begangen.

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Quellen:

( 1 ) Theodor Fontane, Lehde. In: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, IV. Spreeland.
Verlag von Wilhelm Hertz, Bessersche Buchhandlung Berlin 1882

( 2 ) Michael Lange, Theodor Fontane. In den Spreewald. Mit der Postkutsche von Berlin nach
Lübbenau im August 1859. Eine illustrierte Zeitreise. Regia Verlag Cottbus 2007

( 3 ) http://www.reiseland-brandenburg.de/
reiseziele/spreewald/details/id/12335/theme/accomodation.html


Abbildungsnachweise:

( 1 ) Anonymer Künstler, Theodor Fontane (um 1860)

( 2 ) Andreas Harms/Lübbenau, Hôtel zum braunen Hirsch. sh. Quelle ( 2 )

( 3 ) Andrea Bunar, die Spreewälder Postfrau. Foto: Haupt (2009)

( 4 ) Gasthaus Kaupen N° 6. Foto: Haupt (2005)

( 5 ) Karte in: Wanderatlas Der Spreewald. Tourist Verlag Berlin 1987

( 6 ) Waldschlösschenstraße 35. Foto: Haupt (2016)

( 7 ) Orangerie Schloss Lübbenau. Foto: Haupt (2015)